Autor: Neil Gaiman

Das Buch in einem Satz: Unter London gibt es die U-Bahn, und Unter-London, und U-Bahn und unter-London sind sich irgendwie ähnlich …
Dramatis Personae:
Richard Mayhew: RichardRichardMayhewDick. Aus irgendeinem Grund hat er ein Leben als Banker und eine Kunst-besessene Aufsteiger Verlobte erwischt. Dass muss sich einfach ändern. Den Richard ist viel weniger zimperlich, als er selber glaubt.
Door: Tochter von Portico aus dem Hause Arch. Und wehe, es beschwert sich nochmal wer, wenn ich eine Figur ‘Tochter’ taufe.
Der Marquis de Carabas: Hat ‘Gefallen’ zur Währung erhoben und sein Leben anderswo verstaut.
Hunter: Die Frau in Caramel. Hat den Bär unter Berlin, das Krokodil der New Yorker Kanalisation und den Tiger Kalkuttas gejagt. Was mag sie nur in London wollen?
Mr Croup und Mr Vandemar: Jaaaaa. Also wirklich: Jaaaa. Herrliche Bösewichter. Erinnern sie wirklich nur mich an Mr Pin und Mr Tulip?
Es gibt noch viele andere interessante Figuren, Engel zum Beispiel, Rattensprecher und den Robinson Crusoe der Dächer, aber ich denke, die solltet ihr persönlich kennenlernen.
Darum geht’s:
Richard hat sich in London ein halbwegs erfolgreiches, normales, langweiliges Leben aufgebaut. Er ist verlobt und beide glauben, einander wirklich zu lieben, auch wenn der Rest der Welt Jessica für die Pest in Person hält.
Gerade sind die beiden auf dem Weg zu einer wichtigen Verabredung mit Jessicas Chef, als Richard ein blutendes, offensichtlich obdachloses Mädchen in die Arme fällt. Jessica hat keine Zeit für so was („Ruf den Notarzt, aber sag bloß nicht deinen Namen“), aber Richard schickt Jessica alleine zu ihrem Chef und kümmert sich stattdessen um das Mädel, dass sich als Door vorstellt.
Door bleibt über Nacht, dann schickt sie ihn los, einen Bekannten von ihr zu suchen, der ihr sie abholen kann.
Richard tut es und bekommt auf diesem kurzem Ausflug einen ersten Einblick in Unter-London.
Der Bekannte entpuppt sich als Marquis de Carabas, eine reichlich arrogante, charmante und bestimmende Persönlichkeit. Der Marquis nimmt Door nimmt und Richard macht sich daran, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen. Denn Jessica ist ordentlich angepisst, dass er sie hat stehen lassen, und hat ihm die Auflösung der Verlobung auf den Anrufbeantworter gesprochen.
Anstatt sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, wird es alerdings immer schlimmer.
Niemand bemerkt Richard mehr.
Seine Wohnung wird neu vermietet, während er in der Badewanne liegt.
An seine Konten kommt er nicht mehr heran.
Sein Schreibtisch auf der Arbeit landet im Abstellraum.
Richard ist durchs Netz gefallen.
Wer ihn schließlich doch noch bemerkt ist ein Obdachloser namens Iliaster. Richard ahnt so allmählich, wie das alles zusammen hängen könnte und fragt Iliaster nach Door. Iliaster bringt ihn nicht zu Door, sondern zu den Rattensprechern. Damit ist Richard in Unter-London angekommen und das Abenteuer beginnt endgültig.
Zentral in diesem Abenteuer sind zwei Dinge:
- Richard möchte sein Leben in Ober-London zurück.
- Doors Familie – ziemlich ranghoch in Unter-London – wurde von Mr Coup und Mr Vandemar abgeschlachtet. Wer ihnen den Auftrag gegeben hat, ist unbekannt, klar ist allerdings, dass auch Door auf ihrer Liste steht. Door wiederum möchte überleben und herausfinden, wer den Tod ihrer Familie zu verantworten hat.
Los geht’s!
Wir haben also einen ziemlich klassischen Fantasy Plot. Wir haben auch ziemlich klassische Fantasy-Helden.
Also, nicht dass ich da irgendwas gegen hätte. *g* Die Figuren sind allesamt sehr sympathisch, nachvollziehbar und Leute, denen man gerne nachläuft.
Die sichtbaren Antagonisten, Croup und Vandemar, sind einfach herrlich.
Mr Vandemar ist so ziemlich alles, was nicht schnell genug wegläuft und Mr Croup hat eine ähnliche Leidenschaft für Wörter wie ich. Dazu kommt eine ihnen beiden gemeinsame Freude an Gewalt, Folter und Zerstörung. Sehr schön. Sehr, sehr schön.
Und das Setting ist toll.
Ich habe noch nicht viel Urban-Fantasy gelesen. Ich weiß also nicht, in wie weit das alles breit gelatschte Klischees sind, aber ich mag die Parallel-Welt, die sich an den Stationen der Londoner U-Bahn orientiert. Es gibt einen Earls-Court, einen vergreisten Earls Court in einem fahrenden U-Bahn-Wagen, wo man sich größtenteils von Softdrinks und Schokoriegeln ernährt. Die (K)nightsbridge ist kein Ort, an dem sich gerne aufhält und die Black Friars haben wichtige Aufgaben zu erfüllen und stellen ziemlich einfache Rätsel.
Okay, die Auflösung wird niemals einen Thriller-Preis gewinnen, und ein wenig ärgerlich ist auch, dass am Ende ein paar schöne Spuren für eine (oder sogar viele) Fortsetzung(en) gelegt werden, es aber keine Fortsetzung gibt. *gnaaaahr*
Ja, der ganze Aufbau ist sehr vertraut. (Gehe zu A, hole Gegenstand B, bringe B zu C, um zu bekommen, was du willst. Bestehe auf dem Weg viele Abenteuer)
Stört mich nicht.
Für mich ist Niemalsland in vielerlei Hinsicht ein Märchen. Besonders deutlich wird das bei Richards Rückkehr nach Ober-London, die mich immer irgendwie an Goldmarie und Pechmarie erinnert. Und ich maaaag Märchen. *schnurr*
Was Niemalsland darüber hinaus auszeichnet, für mich auszeichnet, ist, dass es (böses Wort, aber es gibt gerade kein besseres) inspiriert.
Da stecken so ein paar Sätze drin, eigentlich völlig unspektakuläre Sätze, die mir trotzdem einen Schauer über den Rücken gejagt haben, und plötzlich blättert sich eine ganze Welt auf. Niemalsland steckt voller Andeutungen, Hinweispfeile in Richtungen, in die Richard und Door nicht laufen, in die mein Hirn dafür umso freudiger stürmt. Ich weiß, dass es Leute gibt, die eigene Unterwelten zu eigenen Städten entwickelt haben. (Basel-Below, zum Beispiel. Ich hoffe immer noch, das daraus was wird). Es gibt Bücher (und es gibt Filme) da werde ich ganz kribbelig, turne auf dem Sofa herum und wünsche mir, genau so was, auch zu machen. Jetzt. Sofort.
Das ist Niemalsland für mich.
Fazit: Schönes Buch. Wirklich schönes Buch. Am besten nach oder während einem London-Städtetrip lesen.
Zitat:
„Wie alt sind Sie denn?“, fragte Door. Richard war froh, dass sie gefragt hatte: Er hätte sich das nie getraut.
„So alt wie meine Zunge“, sagte Hunter, „und ein bisschen älter als meine Zähne.“